Samstag, 8. Dezember 2007

Bettler steh'n vor meiner Türe ...

Manchmal ist es nicht so einfach. Ich erlebte gerade mal wieder so eine Situation, da wusste ich hinterher nicht, ob ich richtig gehandelt habe und was ich hätte besser machen sollen: Ich komme von der Messe, wegen des Hochfestes in Sonntagskleidung; in meiner Handtasche ist nichts weiter als mein Gotteslob, mein Handy und mein Schlüsselbund. Vor unserem Wohnheim am Müllkäfig steht ein Mann in einer alten Jacke mit einem klapprigen Fahrrad, die Haare zerzaust, schlechte Zähne. Er winkt mich heran, und beim Näherkommen frage ich mich, wann er wohl das letzte Mal gebadet hat. Er spricht mich an, aber so undeutlich, dass ich nicht einmal erkenne, ob es Deutsch ist oder nicht. Was er will, weiß ich schon: In unseren Müllcontainern finden sich häufig Pfandflaschen - ob nun Einweg- oder Mehrwegpfand, Glas- oder Plastikflaschen. Viele Studenten in unserem Wohnheim scheinen entweder das Pfandsystem nicht zu durchschauen (was man gerade den Gaststudenten aus fernen Ländern nicht verübeln kann) oder auf die paar Cent keinen Wert zu legen. Und das hat sich herumgesprochen zu den Ärmsten in unserer Stadt, die es reichlich gibt, und auch zu den Nachbarn auf der anderen Seite der Oder. Der Mann möchte, dass ich ihm den Müllkäfig aufschließe, damit er die Container durchsuchen kann. Was mache ich nun? Einerseits ist es ja erniedrigend für diese Menschen, in unserem Abfall zu wühlen. Andererseits ist diesem Mann nicht im geringsten geholfen, wenn ich ihm nicht aufschließe. Rechtlich gesehen gehört der Müll dem abholenden Unternehmen, aber das finde ich ehrlich gesagt ziemlich lächerlich. Geld kann ich dem Mann nicht geben, habe ja keines dabei, und selbst wenn - wahrscheinlich täte ich es nicht. Aus bekannten Gründen. An einem Gespräch zeigt er kein Interesse. Davon wird er schließlich nicht satt, und vielleicht hat er ja Freunde und Familie, woher soll ich es wissen? Ihn in meine Wohnung einladen will ich nun auch nicht gerade ... Ich habe drei Schritte Zeit, mich zu entscheiden. Kann ich ihm etwas Gutes tun, ohne dass er im Müll graben muss? Mir fällt nichts ein. Was würde Jesus tun? Ich weiß es nicht. Am Ende schließe ich ihm den Käfig auf, nicke ihm einmal zu und gehe ins Haus.

Wie hättet Ihr gehandelt?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Liebe Amica,

"Tu Gutes, und sprich darüber". So lautet die Devise vieler Wirtschaftsunternehmen, die auf ihren Ruf(und damit letzlich ihren Umsatz) bedacht sind. Christliches und seelsorgerliches Handeln hat seinen Ursprung im Herzen, das zu einfühlendem Handeln hinführen sollte. Moralisierendes, auch nonverbales Abwägen(" Ich hätte ihm wohl auch kein Geld gegeben"), ist da wenig hilfreich-im Gegenteil! Es entwürdigt den hilfesuchenden Menschen und entblößt seine hilflose Einsamkeit.
Also,tu Gutes mit Deinem Herzen, und mache es im Verborgenen, denn Gott sieht alles. Das müsstest Du doch gerade wissen.

Anonym hat gesagt…

"Tu Gutes, und sprich darüber." hat einen entscheidenden Vorteil, die der Vorbildfunktion für andere Menschen. Und ich bin zu zynisch, um zu glauben das Altruismus eine menschliche Eigenschaft ist, derartige Taten müssen auch angestoßen werden.

Aber zur Sache: Ich sehe durchaus ein gewisses Abwägen, den Obdachlosen im Müll nach wenig suchen zu lassen. Ich sehe aber vor allem auch reichlich Leute, die sich betreten schweigend an ihm vorbei ins Treppenhaus schleichen.

Anonym hat gesagt…

Liebe Amica,

auf deine Frage, wie sich deine Leser in solch einer Situation verhalten würden, will ich jetzt gar nicht eigehen. Vielmehr möchte ich gerne von dir wissen, ob du deine Hilfsbereitschaft von dem Aussehen und,oder Geruch des hilfsbedürftigen Menschen abhängig machst?!Spielt das eine Rolle für dein Handeln?

Amica hat gesagt…

"Vielmehr möchte ich gerne von dir wissen, ob du deine Hilfsbereitschaft von dem Aussehen und,oder Geruch des hilfsbedürftigen Menschen abhängig machst?!Spielt das eine Rolle für dein Handeln?"

Erwecke ich so sehr diesen Eindruck? Nein, ich glaube, ich kann ehrlich sagen, dass es davon nicht abhängt. Was mir wehtat war, dass die einzige "Hilfe" die ich geben konnte, eigentlich eine Hilfe zum unwürdigen Leben des Wühlens nach Müll war. Geld gebe ich selten an Menschen, die ich auf der Straße treffen, allenfalls kaufe ich jemandem direkt etwas (eine Fahrkarte, ein Brötchen). Das aber unabhängig vom Aussehen. Tätige Hilfe gebe ich nach Möglichkeit - und leider auch nach Tagesform - aber nicht wirklich nach Aussehen. Allenfalls wo ich das Bedürfnis habe, mich selbst zu schützen (ich bin nunmal eine nicht gerade massige Frau, die sich im Falle des Falles leider kaum verteidigen kann), geht es ganz klar auch nach Aussehen.

Anonym hat gesagt…

Weiter so! Laß Dich nicht ärgern!!!

Anonym hat gesagt…

Gut, es gibt aber ziemlich viele, die lieber im Müll wühlen und Pfandflaschen zusammensammeln, als zu betteln. In gewisser Weise ist es Arbeit und, so merkwürdig es klingt, es kann durchaus sein, daß es diesem Mann wichtig ist, dieses kleine bißchen Würde zu behalten, daß er nicht einfach Geld bekommt, sondern dafür etwas tut- und wenns Pfandflaschensammeln ist. Natürlich könnte man sehr viel mehr tun. Aber, wie Thomas gesagt hat: es gibt eben auch sehr viele, die gar nichts machen würden. Und Kleinigkeiten bringen auch was.

Übrigens kenne ich amica persönlich und weiß, daß sie bei sowas nicht nach Aussehen usw. geht. Allerdings fände ich es von einer alleinstehenden jungen Frau etwas viel verlangt, einen ihr unbekannten und einigermaßen verwahrlosten Mann mit in ihre Wohnung zu nehmen, um ihm ne Suppe zu kochen. Aber ich finde es nicht zuviel verlangt, und das macht sie ja auch, jemandem, der bettelt, was zu essen zu kaufen. Und wenn jemand anderes halt direkt Geld gibt ist das genauso ok. Wenn man sich über solche Dinge Gedanken macht und seine Schwierigkeiten mit diesem Thema öffentlich macht, finde ich es ziemlich daneben, dann solche Kommentare zu bekommen, daß man damit den hilfesuchenden Menschen entwürdigen würde.